Gedenken an Axel Schlee

In Gedenken an Axel Schlee
Er rief nicht allzu oft an. Diesmal tat er es, um sich von mir zu verabschieden. Wenige Tage später, am 11. Mai 2020, starb Axel, etwa zwei Wochen vor seinem 79. Geburtstag. Mit dem Begriff „Freund“ gehe ich sehr behutsam um, Axel ist einer für mich gewesen.
Was verbindet mich mit ihm? Axel hatte in mir das Interesse am Segeln geweckt. Ich war etwa 8 Jahre jung und ging mit meinen Eltern vor der Göttsch-Werft den sonntäglichen Spaziergang, als Axel mit seinem Bruder Harald im selbstgebauten Piraten „Obadjah“ herangerauscht kam und mich fragte, ob ich mal mitsegeln wollte. Und wie ich es wollte. Ich saß seitlich am Schwertkasten, umklammerte den Mast, und blickte fasziniert nach vorn über den Wellenbrecher, wie der Pirat das Wasser teilte. Seitdem ließ mich das Interesse am Segeln und das Geschehen auf der Werft und am Hafen nicht mehr los. Damals waren fast zehn Jahre Altersunterschied eine riesige Zeitspanne. Axel war aus meiner Sicht ja schon ein junger Mann.
Fast 30 Jahre später fanden wir wieder zueinander. Axel als Hafenwart, ich als Jugendwart im Vereinsvorstand. So war Axel derjenige, der mir als damaligem Jugendwart half, die Jugendecke nach meinen Wunschvorstellungen umzugestalten. Dazu gehörten die Erneuerung des Jollenslipps, der Neubau der Stege am Ost- und Ost-Ost-Steg mit ihren soliden Befestigungsbügeln und Klampen. Im neu angebauten Jugendhaus sorgte Axel für den mehrschichtigen Bodenanstrich, plante und fertigte die Aufnahmevorrichtungen für Optiruder und -schwerter, die Ständer für die Opti-Riggs, die Borde für Segel und Persenninge der anderen Vereinsjollen.
Axel, Uwe Pietsch und ich segelten viele Jahre auf dem zweiten von ihm selbst ausgebauten Schiff „Obadjah“ gemeinsam die Mittwochabendwettfahrten. Vier Jahre in Serie war Axel mit seiner Obadjah Sieger der Regattaserie, bis das Wettfahrtgremium eine Bahnänderung vornahm. Bei NW- und SO-Wind konnten wir bis dahin die Bahn ohne bedeutende Kreuz absegeln. Der durch die Vergütung eingeräumte Vorsprung konnte so auch von moderneren Yachten nicht reingefahren werden.
Die „Obadjah II“ baute Axel einst im Garten seiner Eltern. Der Rumpf wurde angeliefert und in eine Grube gesetzt, darüber ein Zelt errichtet. Zwei Jahre lang fuhr Axel - er lebte derzeit mit seiner Familie in Lübeck - jedes Wochenende nach Heiligenhafen, um sein Schiff fertigzustellen. Nach der Schiffstaufe nahm Axel an der Geschwaderfahrt nach Danzig zur Operation Sail (1974) teil. Es folgten viele erlebnisreiche Törns mit der Familie nach Hiddensee, Bornholm und in die dänische Südsee.
Dem SVH-SSCH sollten Axels Einsatzbereitschaft und Fähigkeiten in fast allen Bauvorhaben und Projekten sein ganzes Leben hindurch zugute kommen. In Planung, Materialbeschaffung,
zeitlicher Abstimmung und Bereitstellung des benötigten Materials und der Werkzeuge bewies er sein fachliches Können und den unermüdlichen Einsatz für „seinen Verein“. Nur gut war ihm nicht gut genug. Alles musste optimal und qualitativ höchsten Ansprüchen genügen. Es gab kaum ein Projekt in unserem Verein, an dem Axel nicht maßgeblich beteiligt war. Ihm gelang es auch, viele Vereinsmitglieder zu motivieren, bestimmte Bauvorhaben in Eigenleistung zu erstellen. Hanne fasste seine Verdienste in der Weihnachtszeitung 2004 zusammen (Bau des Flaggenmastes, Einzäunung des Geländes, der Anlegesteg vor dem Klubhaus mit neuen Spundwänden, überdachtes Mastenlager/ Optilager, Generalüberholung des Flaggenmastes, Planung und Kalkulation von Baggerarbeiten, Erneuerung der Heckpfähle, Erhöhung der Steinmole, Rammarbeiten, Bodenbelag der Jugendecke, die Neueinrichtung der Mittelbrücke). So wurden Axels außerordentliche Verdienste für den Segelsport mit der „Silbernen Ehrennadel“ des Landesseglerverbandes Schleswig-Holstein ausgezeichnet. Axel war auch stolz auf „seine Werft“ die Flender-Werft. Seit 1968 arbeitete er als Konstrukteur im Büro, später im Neubau und der Reparatur. Zu den Höhepunkten seines beruflichen Lebens zählten die Restaurierung der „Passat“ (1997-98), viele werftbedingte Auslandsreisen und später als Rentner die Inbetriebnahme des verkauften Flenderdocks in Port of Spain/ Trinidad. Es hat ihn sehr geschmerzt, dass diese Werft kurz vor seinem 40. Arbeitsjubiläum an die Wand gefahren wurde und er gezwungener Maßen in den Vorruhestand gehen musste. Eine weiteres, schwer zu verarbeitendes Schicksal war die nachlassende Sehkraft infolge einer Erkrankung seiner Augen. Mit seinem schönen Auto als Rentner durch die Gegend zu fahren, sollte ihm nicht lange vergönnt sein. Auch für das Ausscheiden aus der Regattasegelei war das schlechtere Sehen mit ursächlich.
Es folgten Jahre, in denen wir, Axel, Uwe und ich – zwei bis drei weitere Schiffe des Vereins waren meistens noch dabei – mittwochs nach Orth segelten. Die humorvollen Geschichten, die Axel auf dem Hin- und Rückweg und während des Aufenthalts im „Kap Orth“ bei einem Luda-Kaffee zum Besten gab, sorgten für gute Stimmung und abwechslungsreiche Unterhaltung. Wir erfuhren von den ersten Segelabenteuern auf dem Binnensee, Gründungsstätte des Schüler-Segel-Clubs, dem Axel seit 1955 angehörte. Als kleiner Steppke segelte er schon auf dem „Seeadler“ seines Vaters. Die Segel bestanden zu der Zeit noch aus Makko, wenn sie nass wurden, saugten sie sich voll Wasser und wurden schwer und schwerer. Riesigen Spaß hatten die Schlee-Brüder mit ihrem Piraten, wenn sie sich im Binnensee auf die Heckwelle der damals zum Steinwarder
verkehrenden Personenfähren setzten und sich mitziehen ließen, eine Attraktion für die Badegäste. Zeitweise konnte der Pirat auch noch an der schmalsten Stelle zwischen Gras- und Steinwarder zum Badestrand übergesetzt werden, um dort zu segeln. Andere Themen beleuchteten Heiligenhafen und seine Leute früher und heute und immer wieder Vereinsangelegenheiten. So bedeutete jede Fahrt nach Orth ein interessantes Erlebnis, das in guter Erinnerung bleiben wird. Im August 2019 erkrankte Axel ernsthaft, Operationen mit Aussicht auf Heilung waren nicht mehr möglich. So schnell aufgeben wollte Axel nicht, und anmerken ließ er es sich auch nicht, wenn es ihm schlecht ging. Als er im Herbst 2019 das letzte Mal mit Heinz von Orth zurückkam, beschäftigte ihn der Gedanke, ob das vielleicht schon sein letztes Absegeln gewesen sein sollte. Als er dann die Polster von Bord trug, ahnte er wohl schon, dass er sie nicht noch mal auf seine geliebte „Obadjah“ tragen würde. Und so geschah es dann leider auch. Ich habe Axel sehr gemocht, wir haben uns immer gut verstanden und die regelmäßigen Begegnungen mit ihm am Hafen fehlen mir sehr.
Renate, seine Töchter Birte und Berrit mit ihren Familien, sein Bruder Harald und alle seine guten Freunde können dankbar auf einen verantwortungsbewussten, zuverlässigen,aufrichtigen, hilfsbereiten, humorvollen und manchmal auch etwas sturen Menschen zurückschauen.
Zur würdevollen Seebestattung mit Pastor Sauerberg an Bord des „Sturmvogels“ stießen trotz schlechten Wetters die Mannschaften des „Dwarsdrieber“s, des „Bullerjan“s und Jörn mit dem Wachboot hinzu, um Axel die letzte Ehre zu erweisen.
Wenn ich zukünftig über die Position der Seebestattung (54°26´ N, 10°55´ O) hinwegsegele, werde ich Axel und mir einen kleinen Schluck gönnen.

Peter Hartmann