Überführungstour mit einer Rennziege

Am Freitagabend, 8.10., erhielt ich eine Nachricht aufs Smartphone. „Willst mit? Überführung SEB von Rostock nach Kiel. Sonntag. Treff 8.00 Uhr am Anleger Kabutzenhof bei uns im Büro. Oliver.“
Oliver kenne ich aus dem Yachtforum. Wir haben zusammen geschrieben, auch telefoniert. Und finden uns sympathisch. Nur in Natura hatten wir uns noch nie gesehen. Er segelt als Profi, ist einer der Schiffsführer bei Speedsailing in Rostock. Eine Firma, die drei Volvo Ocean Racer in Fahrt hält, die  Illbruck, die SEB und die Toshiba. VO 60 Class. 60 Fuss, 29m Masthöhe, 3,90 Tg., 11 t plus 2,5 t Wasserballast in Luv möglich, Groß 109qm, Gennaker 300qm, top Speed um 30 kn. Epoxid-Kevlar-Carbonbauten.
Ja, ich will mit. Um 8.00 pünktlich steh ich vor Speedsailings Büro. Bin der Passagier nach Kiel. Kurze Begrüssung. Briefing. Diesel, Proviant etc. an Bord schleppen. Wir sind 5 Leute. Oliver und zwei weitere von der Stammcrew, ein Mitsegler aus Rostock, der die Tour zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, und ich. Psst. Nicht erzählen, dass Du nichts zahlst…
Sachen an Bord und unter Deck alles stauen. Unter Deck, das ist eine leere Höhle voller Segel, Rohrkojen, offen daliegenden Tanks, keine Bodenbretter, kein Schrank, kein Kartentisch, nur Stolperfallen, Rohre, Kabel, blanke Bordwand. Ein Gaskartuschenkocher hängt mit Tüdelband an der Decke für Heissetasse. Ein Eimer, Modell Krankenhaus,  steht vorm Mast zum Sch….
Um 9.00 legen wir ab. Unter Motor die Warnow runter gen Seekanal.  Kurz vor Hohe Düne wuchten wir das Gross in den Mast. Das dauert schon etwas. Die letzten Meter wollen gegrindert werden. UK Tapedrive Taft mit Fathead. Die Genua folgt. Gleiches Tuch. Sie setzt sich im Profil leichter und rascher. Backstag dicht. 1,9 t aufs Vorstag. Motor aus. 310 ist Kurs. Wind 17 kn aus rein Nord, SEB stürmt mit 11kn am Wind los gen Puttgarden. Sund geht ja nicht, Masthöhe. Ich darf ans Ruder. Das Schiff ist steif, die 2.5 t Wasserballast verstärken das noch. Lammfromm unter diesen Bedingungen. Direkt auf dem Ruder, wenig Druck, rasch in den Reaktionen, leicht zu steuern, das Schiff zieht einfach durch. Nur es gibt wenig zum Festhalten und Sitzen. Entweder Du liegst bequem auf dem Plichtboden oder sitzt in Luv und stützt Dich an den Fusstützen ab. Oder pass auf.  Der Steuermann hat allerdings verstellbare Standpodeste, so dass er auch bei großer Krängung noch gut steht. Die Lasten sind enorm. Ohne Hydraulik, Grinder, Winsch geht nichts. So allmählich lerne ich die Technik, wie was geht, wo was liegt. Es ist alles mit Edding klar beschriftet.
Mittags sind wir vor Puttgarden. Abfallen, es hat abgeflaut. Neuer Kurs 255-260. Code zero hoch. Der ist auf einer Rollanlage. Ein elend schweres Teil. Er muss im Langsack aus dem Schiff bis aufs Vordeck. Wir haben gut zu tun. Nichts für zarte Hände. Als er steht, fahren wieder zweistellig. Trotz nur noch 9 kn Wind und alter Welle. Wind raumt, nimmt tendenziell wieder etwas zu auf 11-12 kn. Wieder Regenschauer. Zero weg, Gennaker hoch, der 300 qm Löwe. Er wird angeschlagen, wieder ein ganz schönes Gebuckel. Genny steht. Ab geht die Post. Aber es ist recht spitz für das Riesenteil. Hilfsdiesel geht an, Wasserballast in die Tanks, 2,5 t mehr in luv. Trotzdem schmeißt er uns ganz schön um. Wir fahren nun einfach mit 12 Meilen auf Schönberg zu. Bergen da. Und hoch ran mit Genua in die Förde. Schön mit Abstand zu Wentorf und Laboe. 3,9 Tg. Kein Echolot. Braucht man um die Welt nicht.  Der Ozean ist ja tief. Seekarte ist Olivers I-Phone. …
Um 7 .00 Uhr fest in Holtenau am Thiessenkai.

Tschüss Männer. Danke, Oliver. ….Carsten Sauerberg