Coronaferien und ein Geschenk zum 80sten

Corona hat uns ausgebremst. Nein, unsere Josh in Griechenland werden wir dieses Jahr nicht sehen. Rührende Telefongespräche mit unseren griechischen Freunden ändern nichts. „Auf Wiedersehen bis nächstes Jahr“ sagt Christos der Werftleiter, die Dinge auf den Punkt bringend.
Dann liegt auf meinem Geburtstagstischeine Buchung für MS Harbard. Eine Woche Ende September, steht in der Marina Eldenburg in der Mecklenburgischen Seenplatte,ein 9m Motorkreuzer für uns bereit. Große Freude. 
Und wieder beginnt das alte Spiel von Ungeduld, Vorfreude, Angst und Skepsis den Anforderungen nicht zu genügen.
Zum Ersten mal schließen wir eine Reiserücktrittsversicherung ab. Coronazeit. Wir packen die Skikleidung, – die Regenkleidung ist in Griechenland auf der Josh - und kaufen eine Petroleumheizung. Essen für mindestens eine Woche, warme Kleidung und Schlafsäcke, die Seesäcke und Taschen häufen sich. Es ist soweit.
Der Wetterbericht sagt herrliches Spätsommerwetter voraus. Wir könnten wieder auspacken.


27.9.  Über Panzerwege und halbseitig geteerte Straßen sind wir in Eldenburg. Bei der Einweisung darf nur der Kapitän dabei sein, Corona eben, doch stehen wir ohne Mundschutz nebeneinander. Die Mecklenburger Seenplatte hat eine Inzidenz von unter 1. Doch kommen heute 10 neue Crews aus ganz Deutschland. Naja, wird schon gut gehen. Es ist herrliches Gefühl wieder ein schwankendes Boot unter den Füßen zu haben. Das Boot hat kräftige Warmluftheizung und ein Bugstrahlruder, nur ein Kompass fehlt. Ich habe meinen Plotter dabei. Der Einweiser fragt nach Berg und Tal und ich komme kräftig ins Schwimmen. Das wird noch öfter so sein, denn immer wieder wechselt die Betonnung in Seen und Kanälen. Wer weiß schon wohin ein See ausläuft. Dann darf auch Annelene an Bord und wir räumen ein.
Ich gehe noch einmal bei der Fischerhütte vorbei. Der Fischer zeigt den Anglern wie man einen Hecht fachgerecht filetiert. Die Haut ist wunderschönes Camouflage, das Fleisch rosa. Tiere von 60-90cm dürfen geangelt werden und es gibt wieder viele davon in den Seen.
Die ersten Tage werden uns unsere Kinder mit Wohnwagen begleiten. Es ist schön die beiden bei uns zu haben. Extra für uns haben sie sich die letzten Tage in Teilquarantäne begeben und so dürfen wir uns zur Begrüßung in die Arme fallen. Erst da merke ich, wie sehr uns dieser körperliche Kontakt in Coronazeit fehlt. Diese dauernde leichte Anspannung und rationale Kontrolle bei jedem Kontakt (Ist der Abstand ausreichend? Hat jeder Maske?) schafft unmerklich Distanz und Einsamkeit. Was ist das für ein Leben, wenn man sich vor nahen Menschen fürchten muss! Corona beraubt uns da ganz wichtiger Erfahrungen.


28.9.  Der Wind treibt eine in der Sonne glitzernde Welle mit Schaumkronen. Der Motor brummt, es ist ein zauberhafter Tag. Etwas schauklig, Motorboot eben, doch sicher zieht das Schiff seine Bahn über den See. Der Skipper schickt Annelene ans Steuer, das hilft gegen aufkommende Seekrankheit und dann sind wir schon in der Müritz-Havel Wasserstraße. Bald kommt die Schleuse Mirow. Problemlos. Wie leicht das mit Bugstrahlruder ist. Hinten fest, nach vorn gehen, mit Bugstrahl andrücken, festmachen, Leinen führen, fertig.
Um die Ecke im See und direkt an der Schlossinsel Mirow, bei Rick und Rick winkt uns der Hafenmeister schon vom Steg zu und weist uns zwischen den Dalben ein. Die Kinder kommen und im Garten der Schlossbrauerei bekommen wir ein gutes Abendessen. Hier trägt man Maske, Alles super korrekt. An der Kirche der Strelitzer Herzöge vorbei, gehen wir zum Witwenschloss und spazieren über die Brücke zur Liebesinsel. Es wird dunkel, der erste Tag voller Erinnerungen ist vorbei.


29.9.  Heute wollen wir auf unserer Schlössertour nach Neustrelitz. Hier in der Orangerie, blühte die Strelitzie zum ersten mal in Europa. Die Fahrt ist abwechslungsreich. Reetgedeckte Fischerhäuser säumen die Kanäle und Seen. Ein See folgt verbunden durch kurze Kanalstrecke mit Schleuse dem Nächsten. Wälder und Felder an den Schilfufern. Irgendwo ankert ein Boot. Ein Fischer wirft die Angel aus. Sonne läßt das Wasser glitzern. Im Gegenlicht ist man wie von Scheinwerfern geblendet und taucht dann zwischen den Bäumen der Kanälein die tiefe Dunkelheit. Träge und dunkel fließt die Havel. Die knorrigen Wurzeln der Bäume krallen sich über die Holzpfähle und Steinschüttung des Ufers ins Wasser.
An der Wesenbergschleuse erzählt uns der Schleusenwart von früher, als er noch Kind, und die Wassertrasse für die Berufsschifffahrt wichtig war. Damals wurden Steine und Getreide transportiert und sogar Flöße, vom Sägewerk oberhalb, wurden geschleust. Die Flößer hatten wenig zu essen und bedankten sich für eine Mahlzeit mit Holz beim Schleusenwart. Das war für den Winter wichtig. Seit 1972 wird die Bundeswasserstraße praktisch nur noch von Lustbooten benutzt. Und jetzt werden keine neuen Schleusenwärter mehr eingestellt. Die Zukunft des Kanals ist ungewiss. Die nächste Schleuse Vosswinkel ist Selbstbedienungsschleuse, gebaut in England. Ein Segler mit gelegtem Mast fährt mit uns. Rasch kommt man sich nah und mit dem Abschluss der Schleusung zieht jeder wieder seines Weges. Solche Schleusengespräche sind die Würze. Die Routine spielt sich wieder ein, die wir aus den vielen Schleusen in Frankreich kennen.
Im Stadthafen Neustrelitz ist Platz. Ein leuchtend farbiges Abendrot kündigt gutes Wetter für Morgen. Es ist schön in jedem Hafen von den Kindern besucht zu werden. Die haben schon die Lokale erkundet, doch wir wollen nicht weit und landen auf der Halbinsel „Helgoland“ Ein weißes Holzhaus mit großem Saal der 70iger Jahre, Geschichte der DDR kommt in den Sinn, Kassettendecke weiß, Parkettfußboden. Die Gäste sitzen verstreut an Tischen, drüben ein Seniorenstammtisch, das Essen (Zander) reichlich und gut.


30.9.  Noch einmal kommen die Kinder, bevor sie zurück ins Allgäu nach Hause müssen. Gemütliches zusammen sitzen im geheizten Schiff. Dann eine letzte Umarmung, gute Reise, sie fehlen uns schon jetzt.
Wir schauen uns das barocke Landstädtchen an mit riesigem Marktplatz auf der Anhöhe, die Stadtkirche ist geschlossen. Sternförmig sind die Straßen angelegt, mit Achse zum Schloss, das seit dem Krieg nicht mehr existiert. An der neugotischen gelben Backsteinkirche von Buddel vorbei, ist der Schlossgarten mit dem Rondell des Apoll und Hebe und dem Louisentempel zum flanieren geblieben. Bald sind wir zurück am Schiff und legen ab. Wir lassen uns Zeit, das Ziel ist heute offen. Im Ellbogensee verlassen wir die Havel, noch durch die Strasenschleuse und wir finden am Ostufer des Großen Pälitzsees im Schilf einen Ankerplatz und machen an Bäumen fest. Die Sonne bereitet uns ein wunderschönes Abendschauspiel mit Rot, Rosa, und Türkis. Ein Glas Wein an Deck. Die Ruhe ist unbeschreiblich,ab und zu krächzt ein Reiher. Die Fische springen. Stille.


1.10.  Am Morgen herrscht Nebel.
Eine Ente kommt zu besuch, freut sich über Brot. Endlich zeigt sich auch einer der Eisvögel, die Annelene schon gestern uns begleiten hörte. Wir gehen Ankerauf, lassen im Kleinen Pälitzsee den Canower See rechts liegen und folgen den VerbindungskanälenHüttenkanal, Jagowkanal, Schlabornkanal, die letzte Schleuse Wolfbruch ist wieder eine Selbstbedienungsschleuse, nach Rheinsberg. Am Leuchtturm hohe Else vorbei, finden wir in der Nähe des Schlosses, bei Halbeck, einen Liegeplatz. Rückwärts eindampfen ein Kinderspiel mit Bugstrahlruder. Doch dann auf dem Wackelsteg merke ich mein Alter . Mich am Boot festzuhalten und den Tampen durch die Klampe zu führen gelingt mir nicht mehr. Ich muss Annelene zu Hilfe rufen. Bei dem Gewackel fürchte ich ins Wasser zu fallen. Die 80 sind nicht zu leugnen, daran muss ich mich gewöhnen.
Wir spazieren zum Wasserschloss: barocke Buchsbaum Ornamentik, Buchenlaubengänge, Theater mit weinrotem Laubengang, Orchestergraben und gestaffelte Buchenhecken als Kulissen, deren tiefe Perspektive durch dunkle hohe Buchsbaumpyramiden noch verstärkt wird. Der kubistisch anthroposophisch anmutende Steinblock,Grabmal Heinrichs von Preussen (1802), stellt eine abgebrochene Pyramide dar. Am Schönsten ist es im Innengeviert des Schlosses zu sitzen und durch den Säulengang aufs Wasser des Sees zu schauen. Das Schloss in Staatsbesitz wird liebevoll restauriert, auch wenn man ihm den jahrelangen Gebrauch als Diabetikerheilstätte noch anmerkt. Im Inneren ist die Zimmergestaltung, Tapeten und Decken und viele Bilder von Pesne anzuschauen. Auch wenn wir Tucholski (der hier sein Bilderbogen für Verliebte schrieb) mögen entschieden wir uns nicht ins Tucholskymuseum zu gehen sondern einen Kaffee zu trinken. Da folgen wir eher Brecht (Erst kommt das Fressen dann kommt die Moral) Im Gasthaus an der Ecke müssen wir erst einmal warten. bis eine Bedienung alle Tische säuberlich desinfiziert hatte. „Doch, einen Kaffee hätten sie , wenn wir aber einen Kuchen wollten, empfehle sie zum Eiskönig ein paar Schritte die Hauptstraße runter zu gehen“. Man kennt sich“. Der Eiskönig, mit Trabbi vor der Tür. Der hat zwar auch keinen Kuchen, doch herrliche Waffeln und eine große Mug Kaffee. Wir sind glücklich. Es ist ein typisch Mecklenburgisches Residenzstädtchen. Die Häuser meist ein oder zweigeschossig, manche mit Fachwerk, andere mit barocker Fassade, die Straßen Holperpflaster man meint die Bediensteten des Schlosses mit ihren Schößen langeilen zu sehen und ist dann plötzlich wieder in die DDR versetzt wo Wartburg und Trabbi die Statussymbole waren und kein Geld war die Häuser zu erhalten. Wie sehr in unseren alten Köpfen doch noch die Grenze existiert. Später am Hafen finden wir eine Fischgaststätte und ich bekomme Rheinsberger Fischteller. Ein außen rösch gebratener Karpfen mit herrlich samtenem Fleisch, ein Wels und ein Barsch. Ich bin beeindruckt.


2.10.  Am nächsten Tag ,nachdem wir Schwarzwasser absaugen haben lassen, beginnt die Rückfahrt. In der Einfahrt vor einem Kanal überholt uns mit Fullspeed ein großes Motorboot, fährt falsch herum um die Tonnen, um dann im Kanal ängstlich abzubremsen. Na, am nächsten See erwischen sie die falsche Einfahrt und müssen umdrehen und sind nun wieder hinter uns. In einer Engstelle stellt sich plötzlich ein Hausboot vor Schreck, uns kommen zu sehen, quer und blockiert den Kanal. Manchmal ist es mit den führerscheinfreien Kästen auf zwei Schwimmern etwas schwierig. Doch wir haben alle einmal angefangen und wenn die Männercrews nicht zu viele Bierkästen an Bord haben, passiert auch nichts. Nachmittags sind wir in Mirow und da es noch so zeitig ist, fahren wir ins NW Ende des Sees und Ankern vor einem schönen Seerosenfeld. Der Wind hat zugelegt, doch wird er von den Bäumen, wir sind in Lee, abgehalten und der Anker hält sicher. Wenn wir nicht gegen 17:00 im Hafen angesagt wären, wären wir gern noch länger geblieben.


3.10.  Um 9:00 kommen die Rostocker Kinder und Enkel. Alle freuen sich auf den Tag
Nach einem gemütlichen Frühstück im warmen Schiff, brechen wir auf und sind kurz darauf an der Schleuse Mirow. Spannend für die Kinder ihre erste Schleuse zu fahren. Liam steuert sehr geschickt im Kanal. Männer scheinen ein Bagger-Auto- Boots-Gen zu haben. Als die Fahrt länger wird, legen sich Juli und Liam nach unten und schlafen ein. Es war heute Früh doch recht zeitig und Christopher steuert unermüdlich. Die Welle auf dem See ist 50-70cm,vor achterlicher See heißt es da schon gut aussteuern Schloss Klink zieht vorbei die Regattasegler stampfen auf Gegenkurs.Und weil’s so schön ist und die Kinder wieder wach sind, machen wir ein Runde nach Waren. Vorsicht,die Navigon Plotterkarte ist da nicht zu gebrauchen. Dort wo wir gut durchkommen müssten, ist eine Steinschüttung, also zurück und einfach an Eldenburg vorbei und einen Blick in den Kolpingsee werfen. Dieses Gebiet der Mecklenburgischen Seeplatte ist wunderschön und lockt einfach weiter Wasser zu wandern. Doch müssen wir zurück. Wir holen das Auto in aus Mirow. Auf Wiedersehen ihr Lieben, noch einmal drücken wir euch. Es war ein zauberhafter Tag und für die Woche Coronaferien danke ich Euch allen.
Am Morgen geht alles ganz schnell. Wir packen und räumen ins Auto. Die Übergabe ist problemlos. Wir bekommen unsere 700€ Kaution zurück. Die Mängelliste ist, da sie keine navigatorischen Dinge betrifft, wenig relevant. Annelene bekommt zwei blauweiße Kaffeemugs „Seensucht“ zur Erinnerung geschenkt.